Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf leben Frauen global wie national unterschiedlich. Je nach Kultur und Klischees ist Frauen und Karriere etwas Normales und die Frauen haben in Führungspositionen im Ausland andere Herausforderungen. In den USA ist die Frage ob Frau – mit oder ohne Kinder – in der Karriere durchstartet keine Frage. In Frankreich sind Kind und Karriere ebenfalls kein Widerspruch. Bei uns ist das Thema ein Dauerbrenner und weit vom „Normalsein“ entfernt – politisch wie privat. Was machen die beiden Länder anders und besser als wir? Was können Unternehmen hier auf dem Weg in eine chancengleiche Führungskultur lernen? Ein Blick über den Tellerrand.

Schauen wir uns in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf kurz global um: In China und Russland arbeiten Mütter ganz selbstverständlich in Vollzeit, während japanische Topmanagerinnen nach der Geburt ihres Kindes ebenso selbstverständlich dauerhaft Büro gegen Bauklötze eintauschen. Im Entwicklungsland Brasilien sind Frauen optimistischer als anderswo, wenn es darum geht Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, und der arabische weibliche akademische Führungsnachwuchs gilt als besonders ehrgeizig.

Was dieses Blitzlicht zeigt: Der Kulturkreis entscheidet mit über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In sozialistisch geprägten Ländern etwa wirkt das Ideal der vollarbeitenden Mutter nach; in Schwellenländern und der arabischen Kultur stehen privilegierten Businessfrauen viele nicht-privilegierte, vielfach weibliche Hausangestellte oder ein großes Familiennetzwerk zur Seite.

In uns verwandten Kulturen wie den USA und Frankreich leben Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter eigenen Vorzeichen. Ich durfte in allen drei Ländern arbeiten und kann sagen:

“Ob Amerika oder Grande Nation – beide Länder sind uns in Sachen Frauen- und Familienförderung um Einiges voraus.“

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Vereinbarkeit von Familie und Beruf: USA

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann es jeder und jede bis ganz nach oben schaffen: Diese Einstellung zur Chancengleichheit für alle entspringt dem Freiheits- und Leistungsprinzip des American Way Of Life. Auf ihm beruht auch die Diversity-Debatte in US-Unternehmen. In den USA diskutiert keiner die Frauenquote, „weil sie nicht leistungsorientiert ist“, erklärt Joanna Barsh, Director bei McKinsey in New York und Initiatorin des Projekts „Centered Leadership“.

Diversity statt Gender-Diversity, Förderung von individueller Leistungsbereitschaft: Aus dieser Mentalität heraus erfahren auch Top-Managerinnen mit Familie eine große Anerkennung. Manko: Fördermodelle wie unsere bezahlte Elternzeit gibt es in den USA nicht – in diesem Bereich ist die Wirtschaftsmacht genauso Entwicklungsland wie Mikronesien, verdeutlicht eine Statistik der Washington Post.

Big Player wie Netflix, Apple und Google bieten als Unternehmen mittlerweile bezahlte Elternzeit an, sind aber noch Ausnahmen dieser klaren Best Practice in Europa. Ansonsten gilt in den USA für berufstätige Frauen nach der Geburt: der Arbeitsplatz wird drei Monate lang freigehalten, danach ist er weg. Aber die Zeiten ändern sich generell – zumindest für Frauen in Führungspositionen.

Chancen & neue Generation Business Ladys

Denn mehr Frauen als Männer machen in den USA mittlerweile ihren Uniabschluss. Und nutzen Exklusivität als Karrieresprungbrett – mit Erfolg. Es gibt in den USA allein 60 reine Frauen-Colleges. Selena Rezvani, Autorin von „The Next Generation of Women Leaders“ konstatiert, dass Frauen „reine Frauen-Colleges mit wesentlich mehr Führungskompetenz verlassen“. Frauen in Führungspositionen sind in den USA auf dem Vormarsch. Sitzen in deutschen DAX-Firmen drei Prozent Frauen im Vorstand, beträgt der Frauenanteil in den Vorständen der „Fortune 500“-Unternehmen heute um die 15 Prozent.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Frankreich

Frankreich hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seit langem zur Staatsaufgabe gemacht. Eltern in Vollzeit sind üblich, die Kinder werden in der Ganztagsschule bis in den späten Nachmittag betreut. Beide Elternteile kümmern sich gleichberechtigt um die Erziehung, ohne dass einer von beiden ein schlechtes Gewissen haben müsste. Für französische Frauen ist es ganz selbstverständlich, dass sie Mütter und Karrierefrauen sind: Die Französinnen gehen gelassener durchs Leben, das behauptet Autorin und Wahl-Französin Annika Joeres in ihrem Buch „Vive la famille“ und attestiert den Deutschen einen zu starken Mutterkult. Französinnen sind glücklicher in Familie und Job, so ihre These.

Sieben Gründe sind es nach Joeres, die Familienglück und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei unseren Nachbarn fördern:

  1. Die 35-Stunden-Woche – 5 Stunden mehr als bei uns fürs Private
  2. Eine flächendeckende Kinderbetreuung, selbst für unter Dreijährige
  3. Die faire Entlohnung von Tagesmüttern
  4. Der kostenlose Kindergartenplatz ab 3 Jahren, danach Betreuung der Kinder in der Ganztagsschule – Rundum-Betreuung von 7.30h bis 19h
  5. KITAs setzen studierte Erzieherinnen mit Lehrergehalt sowie Kinderkrankenschwestern ein
  6. Das staatliche Betreuungssystem genießt Vertrauen
  7. Frankreich kennt keinen übertriebenen Mutterkult – und keine Debatte um Rabenmütter etc.

Kinder als Katalysator für Karriere & Wirtschaft

Mit all diesen Maßnahmen sind Frauen in Frankreich etwa sechs Monate nach einer Entbindung wieder im Job, denn für sie ist es ganz normal, mit Kind zu arbeiten. Und sie können ihre Familie weiter ausbauen: Je mehr Frauen arbeiten, desto mehr Kinder bekommen sie. Zu diesem wichtigen Ergebnis kommt das französische Institut für demographische Studien INED in seiner jüngsten Untersuchung. Ähnlich wie in den skandinavischen Ländern mit seiner hohen Erwerbsquote bei Frauen von 80 Prozent, greift in Frankreich ein stimmiges Gesamtkonzept, das von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft getragen wird. Und der Tatsache Rechnung trägt, dass Kinder kosten. Arbeiten nämlich beide Elternteile, können sie die Familie finanzieren und den eigenen Job weiter erfolgreich voranbringen. Verblüffend einleuchtend.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Deutschland

Es ist viel passiert in Deutschland: Wir haben die Frauenquote und das Elterngeld, es gibt mehr KITAs. Und Unternehmen sind aufgerufen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz oben auf die Agenda ihrer Ziele zu setzen. Doch eine Umfrage der Thomson-Reuters-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung unter 9500 Frauen aus den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern zeigt, wo wir aktuell stehen – ganz hinten. Nur in Japan herrschen noch schlechtere Chancen für Frauen, mit Kind Karriere zu machen. Wo liegen die Ursachen?

Weltbank-Expertin Henriette Kolb nennt folgende Karrierekiller:

  • Zu wenige KITA-Plätze und vor allem Ganztagsschulen
  • Traditionelle Familienbilder: Es ist immer noch nicht normal, ein Kind zu bekommen
  • Längere Auszeiten vom Job als in anderen europäischen Staaten
  • Wiedereinstieg in den Beruf mit Teilzeit

Elternkult, Klischees & Perfektionismus

Ein Kardinalproblem der Deutschen: unbewusste Vorurteile und damit das Festhalten an alten Strukturen. Nur 21 Prozent der Frauen glauben hierzulande an gute Karrierechancen mit Kind. Zum Vergleich: in Frankreich sind 34 Prozent optimistisch, in den USA 43. Der Grund: Die meisten Führungskräfte in Deutschland gehören der Generation der Babyboomer an. In ihr ist das klassische Rollenmodell – männlicher Ernährer, weibliche Hausfrau und Mutter – stark verhaftet. „Für sie ist es immer noch befremdlich, wenn Männer Elternzeit nehmen und aus Rücksicht auf ihre Familie kürzer treten“, konstatiert Gabriele Stahl von der Personalberatung Odgers Berndtson.

Auch ist es immer noch nicht normal, dass eine hochschwangere Frau arbeitet und kurz nach der Schwangerschaft wieder voll im Berufsleben steht.

Immer wieder werden Frauen mit Kind im Berufsleben gefragt, wie sie es machen, wo die Probleme liegen oder ob die Kinder nicht leiden. Das beginnt schon in der Schwangerschaft: Der Bauch der schwangeren Frau ist plötzlich öffentlich – jeder und jede spricht darüber, wie lange man noch im Beruf ist und wie man Kind und Karriere danach handhaben wird. In den USA und in Frankreich wäre so ein Verhalten undenkbar. Nicht zuletzt haben diese Länder wesentlich höhere Geburtenraten als Deutschland.

Bei uns ist das Mutter- und Elternsein Kult, verbunden mit dem Anspruch nach perfektem Funktionieren in zwei Welten. Das sorgt für einen hohen Stresspegel in deutschen Familien. Das schlechte Gewissen sitzt bei berufstätigen Müttern und Helikopter-Eltern fast immer mit am Frühstückstisch – trotz Elternzeit, vieler guter Maßnahmen der Politik und dem sich wandelnden Verständnis für Familien in den Unternehmen.

Aber auch, wenn eine Frau kein Kind möchte, sollte dies Privatsache bleiben – es ist ihr Körper, ihr Kind, ihre Karriere. Wie auch immer sie sich entscheidet: Unter keinen Umständen wird es eine öffentliche Angelegenheit.

USA, Frankreich, Deutschland: Offen für Förderung & Flexibilität

Natürlich ist klar: „Man kann nicht den Schalter von heute auf morgen umlegen“, weiß Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsförderung in Berlin. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt es Schritt für Schritt u.a. in folgenden Punkten zu verbessern:

  • Exklusive Karriereförderung von Frauen sollte bereits in der Ausbildung beginnen – die USA machen es vor
  • Familienförderung kann durch ein Gesamtkonzept von Politik, Wirtschaft und Staat nach französischem Vorbild gelingen
  • Rollen-Klischees, Mutterkult und die Betrachtung Familie als reine Privatsache sollte wir ablegen
  • Flexibilität im Job sollte positiv als Herausforderung für Frauen mit Familie verstanden werden – mit entsprechenden Job- und Arbeitszeitmodellen

Unser Blick über den Tellerrand hat gezeigt: Mehr Frauen in Führung mit Familie sind machbar. Es braucht Zeit in Politik und Gesellschaft sowie weiter die hohe Aufmerksamkeit in Unternehmen, um die richtigen Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf langfristig umzusetzen. Hier hilft der Frauen-Karriere-Index (FKI) als wichtiges Steuerungsinstrument inhouse weiter, um Frauen bei allen Karriereschritten faire Chancen zu geben.

Und es braucht taffe weibliche Vorbilder und Paare, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorleben. Wie Managerin Vera Hahn. Die Geschäftsführerin von Bayer Material Science in Russland lebt mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in Moskau, ihr Mann arbeitet in Bielefeld und pendelt. Beiden ist Karriere wichtig, die Kinder leben das Konzept mit. Hahn: „Das schweißt die Familie zusammen.“ In diesem Sinne: Packen wir die Zukunft unserer Lebens- und Geschäftskultur an. Für mehr Frauen in Führung. Für mehr Familie.

Nutzen Sie den FKI, um weibliche Führungskultur und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Ihrem Unternehmen Schritt für Schritt zur Best Practice zu machen.

 

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